Der 10. Dan

Es gibt immer wieder Diskussionen um hohe Dan-Grade und es gibt nicht wenige, die den 10. - neuerdings sogar 11., 12. und was weiß ich wievielten Dan erreichen.

Safar Sensei, 8. Dan, ein Schüler von Nakayama Masatoshi Sensei fragte einmal seinen Lehrer nach der Bedeutung des 10. Dan, der ihm dieselbe erklärte. Davon ausgehend erläutert Safar Sensei die Bedeutung des 10. Dan heute so:

"Den 10. Dan kann eigentlich niemand wirklich zu Lebzeiten erreichen, denn der 10. Dan bedeutet, dass man perfekt ist, dass man keine weiteren Fortschritte mehr machen kann. Man kann immer etwas dazu lernen. Das bedeutet also (zumindest im Karate-Graduierungssystem und Graduierungsverständnis der JKA) - wenn jemand den 10. Dan zu Lebzeiten erreicht hat, dann ist er entweder (bereits geistig) tot oder ein kompletter Idiot... Deshalb hatte Nakayama Sensei auch zu Lebzeiten nur den 9. Dan erreicht, denn solange man sich verbessern kann, ist es unmöglich eine Graduierung zu
erreichen, die etwas anderes aussagt."

Die Ausbildung im Karate geht ein Leben lang und endet nie. Daher kann man sich auch immer weiter verbessern und immer wieder etwas dazulernen, was es letztlich unter Berücksichtigung der Bedeutung "perfekt sein" unmöglich macht, zu Lebzeiten den 10. Dan zu erreichen.

Bei einer anderen Gelegenheit erzählte Safar Sensei auch folgende Anekdote von Nakayama Sensei, die vielleicht vor dem Hintergrund "lebenslanges Lernen" von Interesse sein dürfte:

Bei einem Fernseh-Interview wurde Nakayama Sensei einmal darauf angesprochen, ob er auch andere Kampfkünste wie Judo, Kendo oder Aikido kenne.

"Ja," sagte er, "das sind alles schöne Kampfkünste. Ich würde sie gern praktizieren, wenn ich nur ein wenig mehr Zeit hätte."

"Wieso mehr Zeit?" wollte der Moderator wissen.

"Nun ganz einfach - ich mache jetzt schon seit über 40 Jahre Karate," antwortete Nakayama Sensei, "aber immer lerne ich noch jeden Tag dazu und bemühe mich, meine Techniken zu verbessern. Ausbildung im Karate dauert ein Leben lang."

All dies mag vielleicht für den einen oder anderen interessant sein. Ich weiß, dass in manchen Organisationen mit Graduierungen nicht gegeizt wird, dass man für genügend Geld oder Beziehungen so ziemlich jede Graduierung haben kann...

Welchen Wert solch eine Graduierung letztlich wirklich hat, wird jeder der ehrlich zu sich selbst ist, selbst einschätzen können. Resepkt nötigt eine hohe Graduierung an sich nur dem Anfänger ab. Wer schon etwas länger dabei ist schaut hinter die Kulissen. Wenn ein Träger des 10. Dan nicht die Techniken eines 10. Dan zeigen kann, so wird er sich früher oder später von selbst als Schwindler entlarven.

Wahres Können zeigt sich nicht unbedingt in äußerlichen Dingen wie hohen Graduierungen, sondern beweist sich von selbst - in den Techniken, in der Person und dem Charakter des Trägers. Er wird mit Sicherheit nicht immer darauf hinweisen müssen, dass er ja schon den Xten Dan hat. Dies wird zudem die anderen auch nur am Rande interessieren, da sie ja nicht wegen seiner Graduierung kommen, um von ihm zu lernen, sondern wegen seiner Techniken, seiner Person und seines Charakters...

3 Kommentare zu „Der 10. Dan“

  • Gut und richtig – und es stimmt, es gibt sie, die Verbände in denen nach kürzester Zeit ein „Schwarzer Gürtel“ übergeben wird! Aber auf der Matte und im täglichen Leben muss man sich beweisen, dann kann man den wahren Meister erkennen.
    Ergänzung: ich denke, dass das „über den Tellerrand schauen“, sich auch mit anderen Systemen zu beschäftigen immer eine wertvolle Ergänzung zum eigenen Wissenstand sein muss. Diese eigenen Bemühungen werden ab einen gewissen Ausbildungsstand von selbst eintreten ohne dabei seinen eigenen Weg zu verlassen. Dieses zusätzliche Wissen, das Verständnis für neue Techniken und Technikvarianten, etc., wird für uns auf unserem Weg eine wertvolle Hilfe sein.
    Msg
    JR

  • Florian Wießmann:

    Ich kann diese Interpretation nicht teilen. Das Kyu-Dan System in japanischen Kampfkünsten wurde, bevor es sich im Karate durchgesetzt hat, bereits im Judo und Kendo verwendet, wo der 10. Dan in Japan mehrfach vergeben wurde. Auch im Karate hat Nakayama keine Deutungshoheit – auf Okinawa gibt es bspw. mehrere 10. Dan in authentischen Organisationen. Wenn also Herr Safar diese pauschal als Idioten oder geistig tot aburteilt, sagt das einiges aus. Aber nicht über die Personen mit 10. Dan.

    Ursprünglich wurde das Rang-System im Übrigen im Brettspiel Go verwendet – wo in Japan ebenfalls 10. Dan vergeben wurden und werden.

    • ralphp:

      Dass es heute viele Träger des 10. Dan gibt, steht außer Frage. Auch im Karate trägt der anerkannte Lehrer Hirokazu Kanazawa heute den 10. Dan. Mit Blick auf den gemeinsamen Lehrer Nakayama äußerte Safar Sensei sein Unverständnis darüber, wie Kanazawa Sensei überhaupt den 10. Dan annehmen konnte, wo er doch gemeinsam mit Safar Sensei einst den Worten von Nakayama Sensei gelauscht und dessen Erläuterungen zum 10. Dan vernommen hatte.
      Niemand behauptet, dass Nakayama für Dan-Graduierungen eine absolute Deutungs-Hoheit habe. In Bezug auf Karate dürfte aber unbestritten sein, dass die Japan Karate Association (JKA) weltweit einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Karate hatte und überhaupt zur Verbreitung des Karate beigetragen hatte. Als eine der wichtigsten und größten Organisationen im Karate dürfte deren langjähriger Chef-Trainer Masatoshi Nakayama, der zweifellos zu den herausragendsten Karate-Lehrern des 20. Jahrhunderts zählte, sicherlich eine nicht abzusprechende Bedeutung – zumindest in Hinblick auf Karate – zukommen.
      Masatoshi Nakayama hat es selbst zu Lebzeiten stets abgelehnt, den 10. Dan-Grad anzunehmen. Ihm wurde der 10. Dan posthum verliehen.
      Vielleicht sollte – bevor über Safar Sensei pauschal geurteilt wird – zunächst einmal der Zusammenhang beachtet und nicht ein kleiner Teil-Kommentar aus dem Zusammenhang gerissen werden. Es geht nicht um Wortklauberei. Zugegeben, das Wort „Idiot“ hätte Safar Sensei besser nicht verwenden sollen, aber zumindest regt diese deutliche Sprache auch zum Nachdenken an.
      Der Beitrag bezieht sich klar auf das Karate-Graduierungssystem und Graduierungsverständnis der JKA, so wie dies auch im Text deutlich gemacht wurde.
      Wenn der 10. Dan den höchsten erreichbaren Grad an Vollkommenheit in einer Kampfkunst (gleich welcher) verkörpert, so dürfte wohl ebenso unbestritten sein, dass ein jeder Mensch zeit seines Lebens täglich etwas dazulernen kann. Insofern wäre der 10. Dan in diesem Sinne ein Widerspruch in sich. Wer weiß, dass er noch etwas dazu lernen kann, wer weiß, dass er nicht perfekt ist – wie kann diese Person dann eine Graduierung annehmen, die etwas anderes aussagt?
      Wenn ich ein blaues Auto fahre, aber behaupte, es sei rot – für was würden die Menschen mich halten? Für ein Genie? – Wohl kaum.
      Genau darum geht es. Genau das ist die Quintessenz, die man aus den Erläuterungen von Safar Sensei zum 10. Dan mitnehmen sollte. Wer (in der Nachfolge von Nakayama) einen 10. Dan trägt und sein Karate-Wissen auf Nakayama zurückführt, kann in Kenntnis von dessen Ansichten zum 10. Dan, zumindest im Karate-Graduierungssystem und Graduierungsverständnis der JKA, selbst zu Lebzeiten keinen 10. Dan tragen oder annehmen ohne die Lehren seines Lehrers zu konterkarieren.

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Termine
  • Fr 2.11.18: Karate Lehrgang mit Naka in München
  • Sa 3.11.18: Karate Lehrgang mit Fritz Oblinger in Chemnitz
  • Di 4.12.18: Gürtelprüfung in Bad Liebenwerda