{"id":322,"date":"1999-09-15T09:45:00","date_gmt":"1999-09-15T08:45:00","guid":{"rendered":"http:\/\/lubwart.de\/wordpress\/?p=322"},"modified":"1999-09-15T09:45:00","modified_gmt":"1999-09-15T08:45:00","slug":"gasshuku-in-wien-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bushido-lubwart.de\/wordpress\/gasshuku-in-wien-3\/","title":{"rendered":"Gasshuku in Wien"},"content":{"rendered":"<p>Nun fuhr ich bereits zum dritten Mal nach Wien zu einem Lehrgang mit Tanaka Sensei. Wie schon in den vergangenen Jahren reisten wir am Sonntag an, um einen kompletten Tag in Wien f\u00fcr uns zu haben. Nach einer langen Fahrt erreichten wir unser Ziel. Allerdings h\u00e4tte die neunst\u00fcndige Fahrt durchaus k\u00fcrzer sein k\u00f6nnen, wenn wir kurz vor der \u00f6sterreichischen Grenze in der Tschechei nicht eine falsche Abfahrt genommen h\u00e4tten, denn so fuhren wir gut sechzig Kilometer mehr&#8230;<!--more--><\/p>\n<p>Kurz vor f\u00fcnf Uhr Nachmittags kamen wir in Wien an und bauten dann im Garten meiner Tante das Zelt auf. Nat\u00fcrlich gingen wir auch gleich noch an diesem Abend schwimmen, denn das Wetter war geradezu ideal. Und dann wurden am Abendbrottisch auch schon die Pl\u00e4ne f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage geschmiedet. Ich hatte von der Ausstellung &#8222;K\u00f6rperwelten&#8220; geh\u00f6rt, wusste jedoch nichts N\u00e4heres, allerdings stellte sich heraus, dass meine Tante beabsichtigte, diese Ausstellung selbst zu besuchen. So stand also unser Nachmittagsprogramm f\u00fcr den Montag bereits fest.<\/p>\n<p>Am Montag vormittag begaben wir uns in aller Fr\u00fche in die Stadt. Dort besichtigten wir zun\u00e4chst wie \u00fcblich die Einkaufsmeilen Wiens: die K\u00e4rntner Stra\u00dfe und den Graben mit seiner ein wenig an die M\u00fcnchener Marienkirche erinnernden Uhr. Doch auch den Stephansdom wollte ich mir diesmal etwas genauer ansehen. Eine Dom-F\u00fchrung h\u00e4tte zwar zu viel Zeit beansprucht, jedoch konnten wir wenigstens die Katakomben besuchen, in denen die Dom-Oberen bestattet waren, die Eingeweide der Habsburger (das \u00f6sterreichische Kaiserhaus) beigesetzt worden waren (die Habsburger wurden nach spanischem Hofzeremoniell bestattet) und nicht zuletzt auch noch die riesigen Kellergew\u00f6lbe, die fr\u00fcher einst den Friedhof Wiens bildeten und in denen zehntausende Menschen beigesetzt worden waren. In einige der Gew\u00f6lbe konnte man direkt hineingehen, da diese ber\u00e4umt worden waren, andere konnten durch &#8222;Guckl\u00f6cher&#8220; betrachtet werden. Interessant hier insbesondere auch das Massengrab mit den Pesttoten und das &#8222;Beinhaus&#8220; (hier wurden die Knochen der Verstorbenen wie Holzscheite aufgestapelt). Im Anschluss gingen wir noch auf einen der T\u00fcrme von St. Stephan, um einen sch\u00f6nen Ausblick zu genie\u00dfen &#8211; wie wir uns erhofften, allerdings war uns dieser durch die vor den Fenstern befindlichen Bauger\u00fcste leider versagt.<br \/>\nAm Nachmittag wie gesagt ging es in die bereits eingangs erw\u00e4hnte Ausstellung zur Plastination &#8211; K\u00f6rperwelten, die in Wien \u00fcbrigens wegen des starken Besucherandrangs sogar noch um einen vollen Monat verl\u00e4ngert wurde. Hier wurden Menschliche K\u00f6rper ausgestellt, die nach allen Regeln der Kunst &#8222;haltbar&#8220; gemacht wurden. Es war wirklich faszinierend, wenngleich einige der Exponate m.E. doch nur noch relativ wenig mit der Wissenschaft zu tun zu haben schienen. Allerdings kann ich jedem, der die Gelegenheit einmal haben sollte nur empfehlen, diese Ausstellung zu besuchen. Man kann sehr viel \u00fcber den eigenen K\u00f6rper und die M\u00f6glichkeiten der modernen Medizin lernen. Eine echte Raucherlunge im Vergleich zu einer normalen Lunge &#8211; wer hat das schon einmal gesehen? Oder ein k\u00fcnstlicher Knie- oder H\u00fcftgelenk, Missbildungen, die Funktionsweise der Nerven, die feinen Blutgef\u00e4\u00dfe z.B. in der Niere&#8230;? Auf jeden Fall ist diese Ausstellung einen Besuch wert. Und f\u00fcr alle, die meinen, sie k\u00f6nnten keine Toten ansehen &#8211; wenn ich es nicht selbst gewusst h\u00e4tte, zu sehen war es jedenfalls nicht, dass es sich hierbei um echte K\u00f6rper handelte. So ging unser erster Tag in Wien zu Ende.<\/p>\n<p>Am Dienstag dann sollte das Training beginnen. Um sechs Uhr Morgens machten wir uns auf den Weg zur Halle, zum Matsumae-Budo-Center der Tokai Universit\u00e4t zu Wien, wo auch schon in den Vorjahren das Training stattgefunden hatte. Zahlreiche bekannte Gesichter am Eingang lie\u00dfen bei uns gleich ein heimisches Gef\u00fchl aufkommen. Zwar waren auch einige neue Lehrgangsteilnehmer zu sehen, doch im Wesentlichen waren doch wieder die &#8222;\u00fcblichen&#8220; Stamm-Karateka in der Halle zu sehen.<\/p>\n<p>Diesmal waren doch mehr Karateka beim Training als in den Vorjahren. Vielleicht auch deshalb, weil sich eine Vielzahl der Lehrgangsteilnehmer am letzten Tag der Dan-Pr\u00fcfung stellen wollte, sollte doch das n\u00e4chste Trainingslager erst wieder im Jahr 2001 stattfinden.<\/p>\n<p>Schwerpunkt dieses Trainingslagers waren diesmal wieder wie \u00fcblich diverse Faust- und Fu\u00dftechniken, wobei Tanaka Sensei gleich zu Beginn des Trainings herausstellte, dass Thema des Lehrgangs der richtige Einsatz der H\u00fcfte sein soll &#8211; jeder Teilnehmer sollte daher seinem H\u00fcfteinsatz besonderes Augenmerk widmen und zwar insbesondere dann, wenn die Kraft nachl\u00e4sst. Eine geordnete Aufstellung der Teilnehmer zum Training verlangte Tanaka Sensei diesmal nicht. Alle Teilnehmer stellten sich in einem gro\u00dfen Kreis auf und dann ging es auch schon los &#8211; zun\u00e4chst drei\u00dfig bis vierzig Wiederholungen der einen Technik, dann weitere 50 Wiederholungen, die von den Teilnehmern zu z\u00e4hlen waren und danach nat\u00fcrlich noch die andere Seite. Zun\u00e4chst einfache Handtechniken, dann mit Schrittbewegung und schlie\u00dflich auch Fu\u00dftechniken, die zu guter letzt auch noch mit Handtechniken kombiniert wurden. So wurde das Training schnell sehr anstrengend.<\/p>\n<p>Erfreulich allerdings, dass Tanaka Sensei es sich bei diesem Gashuku nicht nehmen lie\u00df, das Aufw\u00e4rmtraining vielfach selbst zu leiten, denn allein hier konnte man schon allerhand lernen und mit nach hause nehmen.<\/p>\n<p>Erstaunlicherweise hatte Tanaka Sensei w\u00e4hrend dieses Lehrgangs sein Hauptaugenmerk nicht auf das sonst obligatorische Partnertraining gelegt. Vielmehr wurde diesmal sehr viel allein trainiert, was aber gleichwohl alles andere als einfach war.<\/p>\n<p>Nach Abschluss dieses ersten Trainingstages fuhren wir kurz auf dem Wiener Vergn\u00fcgungspark &#8211; dem Prater vorbei und kehrten dann am fr\u00fchen Abend zur\u00fcck, um noch ein k\u00fchles Bad in der Alten Donau zu nehmen.<\/p>\n<p>Der Mittwoch wurde \u00e4hnlich fortgesetzt, wie der Dienstag geendet hatte. Am Vormittag diverse Grundschul-Kombinationen, die dann aber auch am Partner fortgesetzt wurden. Dieses erste Training ging vielen m\u00e4chtig in die Knochen. Aus gab es hier eine erste Verletzung w\u00e4hrend des Trainings. Ein junger Ungar verdrehte sich bei der Ausf\u00fchrung von Mawashi Geri das Knie des Standbeines und musste das Training abbrechen und sich in \u00e4rztliche Behandlung begeben.<\/p>\n<p>Der Nachmittag wurde dann jedoch gl\u00fccklicherweise ruhiger fortgesetzt: Kata stand auf dem Programm. Nach einem einf\u00fchrenden Training aller Heian-Kata trainierten die Anf\u00e4nger (bis einschlie\u00dflich Blau) Tekki Shodan, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen Trainingsteilnehmer bei Tanaka Sensei das Training mit den Kata Bassai Dai fortsetzten.<br \/>\nNach dem Training hatten wir uns vorgenommen, einige sehenswerte Museen der Stadt Wien zu besichtigen. So fuhren wir in das Zentrum und besuchten die Schatzkammer, in der zahlreiche Kunstwerke der weltlichen und geistlichen Kunst zusammengetragen worden waren. &#8211; Eine Sammlung, die wirklich \u00e4u\u00dferst sehenswert war. Zugleich nutzten wir die Gelegenheit, um einige der ber\u00fchmten Bauwerke Wiens, die sich in unmittelbarer Umgebung befanden, gleichfalls zu betrachten &#8211; so z.B. dass Parlament, die Hofburg, die Staatsoper und einige andere mehr.<\/p>\n<p>Den Abend verbrachten wir darauf in einer kleinen Restaurant an der Alten Donau, da f\u00fcr diesen Tag Selbstverpflegung angesagt war. Ein &#8222;kleines&#8220; Schlemmerfilet f\u00fcr 2 Personen erwies sich als derart umfangreich, dass wir die Nachspeise dann doch lieber abbestellten, denn wir konnten beim besten Willen nicht mehr essen.<\/p>\n<p>Donnerstag fand traditionsgem\u00e4\u00df nur eine Trainingseinheit am Morgen statt, w\u00e4hrend der Nachmittag frei blieb. Dies nahm Tanaka Sensei nat\u00fcrlich wieder einmal zum Anlass, um das dem Training etwas Besonderes abzugewinnen. Zu Beginn des Trainings stimmte er die Teilnehmer mit den Worten auf das bevorstehende Training ein: &#8222;Heute k\u00f6nnt Ihr Euch nach dem Training erholen, denn der Nachmittag ist frei. Daher werden wir jetzt etwas mehr trainieren. Wir werden heute nicht eintausend Bewegungen \u00fcben, sondern zweitausend! Dazu werden wir die Kata Heien Shodan 50 Mal laufen und anschlie\u00dfend eine weitere Kata 10 Mal.&#8220; F\u00fcr jede Kata war ca. 1 Minute eingeplant. Die Kata sollte nicht zu schnell gelaufen werden. Jeder sollte zudem auf den richtigen H\u00fcfteinsatz achten&#8230; Nachdem die ersten zehn Kata in einem sich immer steigerndem Tempo absolviert worden waren, unterbrach Tanaka Sensei das Training kurz und wies noch einmal darauf hin, dass es wenig Sinn mache, nur durch die Kata zu rasen, man solle sich mehr konzentrieren&#8230; Doch daraus wurde denn doch nichts und so waren die Teilnehmer bereits 20 Minuten vor der geplanten Zeit mit ihren 50 Kata am Ende &#8211; aber dies nicht nur auf die Kata bezogen, denn die Kr\u00e4fte hatten wirklich sehr stark nachgelassen.<\/p>\n<p>Tanaka Sensei gab uns darauf Gelegenheit zu einem Kurz-Einstieg in die Praxis des Zazen. Zazen ist den Worten Tanaka Sensei&#8217;s zufolge auch im Karate wichtig. Er glaubt, dass er seine zahlreichen Meisterschaftserfolge zu einem gro\u00dfen Teil auch seiner \u00dcbung des Zazen zu verdanken hat, da er so die Angriffe seiner Gegner zumeist schon voraussehen konnten, bevor sie tats\u00e4chlich stattfanden&#8230; Wir lie\u00dfen uns daher alle nieder, wobei die meisten im altbekannten Schneidersitz sa\u00dfen und nur einige wenige wirklich den &#8222;Zazen&#8220;-Sitz ausprobieren konnten, bei dem das rechte Bein auf dem linken abgelegt wird. Dann sollten wir die Augen schlie\u00dfen und nur ruhig atmen. Tanaka Sensei griff zum &#8222;Kyosaku&#8220; oder besser zu seinem Shinai (Bambus-Schwert) und ging dann herum. Immer wieder h\u00f6rte man es pfeifen, wenn der Stock niedersauste und bei einem Karateka auf klitschnassen Anzug traf. Gerade sitzen war angesagt und das wurde mit der Zeit immer schwieriger. Zuletzt hatten wir tats\u00e4chlich zehn Minuten gesessen und meditiert.<\/p>\n<p>Nach dem Training war frei und wir fuhren in das \u00f6sterreichische Heeresmuseum, wo unter anderem auch das Fahrzeug ausgestellt war, in dem der \u00f6sterreichische Kronprinz 1914 in Sarajevo erschossen worden war &#8211; dieses Ereignis war bekannterma\u00dfen der Ausl\u00f6ser des 1. Weltkriegs. &#8211; Schon interessant, Geschichte einmal so hautnah &#8222;miterleben&#8220; zu k\u00f6nnen. Am Abend war dann im Garten meiner Tante noch einmal ein kleiner &#8222;Grillabend&#8220;, bei dem wir es uns so richtig wohl gehen lie\u00dfen.<br \/>\nDer Freitag war der letzte Tag des diesj\u00e4hrigen Gashuku. Tanaka Sensei schien es noch einmal wissen zu wollen und verlangte allen das letzte ab. Kihon bis zum Abwinken, Kumite und Kata. Nach 100 Minuten war das Training zu ende und dann hie\u00df es: Die Dan-Pr\u00fcfungen finden um 12 Uhr statt. &#8218;Oh fein,&#8216; dachte ich, &#8218;dann hast Du ja noch drei\u00dfig Minuten Zeit!&#8216; Aber ein Blick auf die Uhr belehrte mich eines besseren: In nur 10 Minuten war es so weit. Dann begannen die Pr\u00fcfungen. 25 Kandidaten zum Shodan und weitere 12 Kandidaten zum Nidan warteten auf ihren Aufruf. Nach gut zweieinhalb Stunden war alles \u00fcberstanden, die Pr\u00fcfung geschafft, der Lehrgang zu Ende.<\/p>\n<p>Zu guter letzt fuhren wir noch einmal auf den Prater, um uns ein wenig zu vergn\u00fcgen. Am Samstag setzten wir uns wieder ins Auto &#8211; und ab ging es gen Heimat, die wir nach einer langen und anstregenden Fahrt auch wieder gl\u00fccklich erreichten.<\/p>\n<p>Wer sich mit dem Gedanken tr\u00e4gt, im n\u00e4chsten Jahr auch mit nach Wien zu fahren, den muss ich leider entt\u00e4uschen. Erst im Jahr 2001 wird wegen der im Jahr 2000 in Tokyo anstehenden Karate-Weltmeisterschaften, in deren Organisation auch Tanaka Sensei stark mit eingebunden ist, wieder ein Gashuku in Wien stattfinden.<\/p>\n<p>Ralph P. G\u00f6rlach<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun fuhr ich bereits zum dritten Mal nach Wien zu einem Lehrgang mit Tanaka Sensei. Wie schon in den vergangenen Jahren reisten wir am Sonntag an, um einen kompletten Tag in Wien f\u00fcr uns zu haben. Nach einer langen Fahrt erreichten wir unser Ziel. 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