{"id":122,"date":"1995-10-15T14:37:20","date_gmt":"1995-10-15T13:37:20","guid":{"rendered":"http:\/\/lubwart.de\/wordpress\/?p=122"},"modified":"2008-02-07T13:32:26","modified_gmt":"2008-02-07T12:32:26","slug":"gasshuku-in-wien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bushido-lubwart.de\/wordpress\/gasshuku-in-wien\/","title":{"rendered":"Gasshuku in Wien"},"content":{"rendered":"<p>Die Reise nach Wien mit dem Auto war nicht gerade leicht. Neun Stunden im Auto sitzen kann schon zu einer Plage werden, aber das was uns in Wien erwartete, entlohnte uns eigentlich f\u00fcr alles.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nachdem Marco und ich in Wien angekommen waren, fuhren wir zun\u00e4chst zu meiner Tante in den Garten, die uns auch gleich zum Abendessen einlud. Danach machten wir uns auf den Weg zum Budocenter. Dort angekommen sahen wir den kleinen Gymnastikraum, der unsere \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit darstellen sollte, bereits am Abend voll belegt &#8211; und es sollten noch mehr Leute kommen. Da wir wenig Lust versp\u00fcrten, uns in der Mitte des Raumes auszubreiten, rief ich kurz entschlossen meine Tante an und so kam es denn auch, da\u00df wir bei ihr im Garten unser Zelt aufschlugen und dort n\u00e4chtigten. Dies hatte im \u00fcbrigen noch einen weiteren Vorteil: Der Garten befand sich unweit der alten Donau und so lag es auf der Hand, da\u00df wir jeden morgens und abends die Gelegenheit nutzten, um uns in der Donau zu erfrischen.<\/p>\n<p>Das Sommertrainingslager in Wien findet traditionell in der 1. Juliwoche statt. Sensei Fujinaga konnte diesmal jedoch nicht dabei sein, da er sehr schwer erkrankt und nach Japan zur\u00fcckgekehrt war. So brachte Sensei Tanaka (7. Dan) einen anderen Meister mit nach Wien: Sensei Watanabe (6. Dan) &#8211; seines Zeichens Chiefinstructor f\u00fcr die Region Fuji in Japan.<\/p>\n<p>Die rund 160 Lehrgangsteilnehmer kamen von \u00fcberall her: Aus \u00d6sterreich, der Schweiz, Deutschland, Ungarn &#8230; Unter ihnen waren allein schon etwas mehr als 30 Dantr\u00e4ger und bestimmt noch einmal ebensoviele Braungurte, so da\u00df diese Gruppe allein schon fast die H\u00e4lfte aller Anwesenden ausmachte. Wei\u00df-, Gelb- und Orangegurte waren nur in sehr geringen Umfang vertreten.<\/p>\n<p>Gleich zu Beginn des Lehrgangs wurde durch Sensei Tanaka ein Brief von Sensei Fujinaga an alle Lehrgangsteilnehmer verlesen, in denen er mitteilte, da\u00df er mit einer schweren Krankheit zu k\u00e4mpfen habe, bei der es um Leben und Tod gehe. Er w\u00fcnschte allen Lehrgangsteilnehmern f\u00fcr die bevorstehende Woche alles Gute und dr\u00fcckte zugleich die Hoffnung aus, da\u00df es ihm verg\u00f6nnt sein m\u00f6ge, noch einmal alle wiederzusehen.<\/p>\n<p>Die Organisatoren dieses Lehrgangs schrieben Sensei Fujinaga ihrerseits ebenfalls einen Brief, in dem sie ihm eine gute Genesung w\u00fcnschten. Dieser Brief wurde von allen Lehrgangsteilnehmern unterzeichnet.<\/p>\n<p>Hier nun einige kurze Erlebnisse aus dem Trainingsalltag in Wien:<\/p>\n<p>Wenn man bisher der Meinung war, den Begriff &#8222;hartes&#8220; oder &#8222;anstrengendes&#8220; Training verstanden zu haben, wurde man hier rasch eines Besseren belehrt. Nach der Erw\u00e4rmung ein paar lockere Mae Geri &#8211; fast wie gewohnt &#8211; aber dann: Sensei Tanaka z\u00e4hlt zehn Schwarzgurte ab, die die Aufgabe erhalten, ihrerseits jeweils laut bis zehn zu z\u00e4hlen &#8211; so kommen dann schon mal schnell 100 Mae Geri zusammen. Insgesamt wurden beispielsweise in der ersten Trainingseinheit dieses Gasshuku etwas mehr als eintausend Fu\u00dftechniken absolviert.<\/p>\n<p>Um einem Muskelkater vorzubeugen, hie\u00df es f\u00fcr uns nach dem Training immer: Die Muskeln mit einer gr\u00fcndlichen Massage lockern und durchkneten. (Das hat \u00fcbrigens auch ganz gut funktioniert.)<\/p>\n<p>In der Regel gestaltete sich das Vormittagstraining immer etwas anstrengender. Es wurde zumeist in zwei H\u00e4lften geteilt. Zun\u00e4chst konnten sich alle kr\u00e4ftig verausgaben, bevor dann in der zweiten H\u00e4lfte (nach einer kurzen f\u00fcnf- bis zehnmin\u00fctigen Pause) die Umsetzung des zuvor Ge\u00fcbten am Partner erfolgte &#8211; nat\u00fcrlich etwas ruhiger. Auch am Nachmittag ging es zwar etwas ruhiger zu &#8211; aber nichtsdestotrotz mu\u00dfte man sich auch hier ganz sch\u00f6n anstrengen, um mitzuhalten.<\/p>\n<p>In einem Vormittagstraining beispielsweise lie\u00df Sensei Tanaka sechs Schwarzgurte vorn antreten und machte diesen zur Aufgabe die nun folgenden unabl\u00e4ssigen Angriffe der anderen die vor ihnen standen abzuwehren und zu kontern. Dies w\u00e4hrte so einige Minuten und den Schwarzgurten fiel es zusehends schwerer, die Angriffe abzuwehren. Selbst Sensei Watanabe wandte sich an Sensei Tanaka, ob er denn nicht langsam diese \u00dcbung abbrechen wolle &#8211; aber dieser winkte nur ab. Zum Abschlu\u00df gab es nat\u00fcrlich f\u00fcr die vorn Stehenden einen kr\u00e4ftigen Beifall, denn sich da zu halten war gewi\u00df keine leichte Aufgabe gewesen.<\/p>\n<p>Am lustigsten war f\u00fcr viele sicherlich das Mittwochtraining. An diesem Tag kam Sensei Tanaka lustig h\u00fcpfend in die Halle und \u00fcbernahm dann selbst die Erw\u00e4rmung, wobei er verschiedene Dehn\u00fcbungen ausf\u00fchren lie\u00df und diese zusammen mit Sensei Watanabe demonstrierte. Beide Meister ahmten dabei Anf\u00e4nger bei dehn\u00fcbungen nach, indem sie ihre Mienen verzogen und vor Schmerzen st\u00f6hnten, was nat\u00fcrlich die Anwesenden zu einem unabl\u00e4ssigen Gel\u00e4chter herausforderte. Nachdem die Erw\u00e4rmung jedoch vor\u00fcber war, sagte Sensei Tanaka nur kurz, da\u00df in Anbetracht der Tatsache, da\u00df an diesem Tag nur eine Trainingseinheit stattfinden sollte, diese etwas anstrengender sein werde und man sich die Kr\u00e4fte entsprechend einteilen m\u00fcsse, da es heute auch keine Pause geben werde. Seinen Worten lie\u00df er dann auch sogleich Taten folgen und dies f\u00fchrte dazu, da\u00df in dieser Trainingseinheit etwas mehr als eintausend Kombinationen (!) ausgef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Am Freitag dann, zum Schlu\u00df der letzten Trainingseinheit, hatte Sensei Tanaka noch etwas Besonderes auf Lager. Zun\u00e4chst zeigte er ohne die geringste M\u00fche was er sehen wollte: runter in die Hocke &#8211; im Entengang locker bis in die Mitte der Halle und dann den Rest im Entengang &#8222;sprinten&#8220; &#8211; dr\u00fcben angekommen umdrehen und 10 Hidori. Dies machten wir einmal hin und zur\u00fcck und wir dachten, da\u00df dies endlich das Ende sei, da die Oberschenkel n\u00e4mlich schon wahnsinnig schmerzten &#8211; aber weit gefehlt: Jetzt ging es ja erst richtig los. Sensei Tanaka l\u00e4chelte blo\u00df, wies mit seinem Finger auf die gegen\u00fcberliegende Seite und sagte &#8222;Hajime!&#8220; Und wies mit seinem Finger auf die gegen\u00fcberliegende Seite und sagte &#8222;Hajime!&#8220; und schon krochen, w\u00e4lzten sich die ersten, die sich nicht mehr auf den F\u00fc\u00dfen halten konnten zur anderen Seite. Jetzt hie\u00df es aber: Alle machen bei den Hidori mit &#8211; wenn einer aussetzt, beginnt die ganze Gruppe noch einmal von vorn. Dies wiederholte sich noch zweimal. Bevor das &#8222;Yame!&#8220; des Meisters die Anwesenden erleichterte. Kaum das man stand, blitzte jedoch ein verschmitztes L\u00e4cheln \u00fcber das Gesicht des Meisters und er sagte &#8222;Yoi! &#8211; Hidari Gedan Barai &#8211; Kamae-te!&#8220; Alle blickten ungl\u00e4ubig zu ihm hin\u00fcber aber er nahm nur wortlos die geforderte Position ein. Dann das n\u00e4chste Kommando, was einige sicherlich schon zur Verzweiflung trieb: &#8222;Mae Geri Jodan!&#8220;. Die meisten glaubten sicherlich, ihr Ende sei gekommen, aber ich staunte selbst nicht schlecht wie wunderbar leicht sich mit einem Mal Mae Geri treten lie\u00df. &#8211; Nun war der Lehrgang auch schon fast zu Ende.<\/p>\n<p>Sensei Tanaka gab den Teilnehmern zum Abschlu\u00df noch ein paar gut gemeinte Worte und Ratschl\u00e4ge mit auf den Weg. Bevor er die Versammelten aufforderte, zusammen mit ihm in die H\u00e4nde zu klatschen, damit Sensei Fujinaga wieder gesund werde. Minutenlanges, rhythmisches Klatschen f\u00fcllte sodann den Raum. Ebenso dann der Beifall f\u00fcr die beiden Meister, als sie das Dojo verlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Neben dem Training haben wir nat\u00fcrlich auch noch eine ganze Menge von Wien gesehen. So besichtigten wir an den freien Nachmittagen das Schlo\u00df Sch\u00f6nbrunn mit seinem wundersch\u00f6nen Parkanlagen, den dort befindlichen Tiergarten, den weltber\u00fchmten Stephansdom, die historischen St\u00e4tten am Kahlenberg und Leopoldsberg, von wo aus Wien im 17. Jahrhundert vor der drohenden t\u00fcrkischen Eroberung bewahrt wurde, das Kloster in Klosterneuburg mit seiner wundersch\u00f6nen Kirche und nat\u00fcrlich waren wir auch auf dem Prater &#8211; dem Pl\u00e4nterwald Wiens, wo wir es uns so richtig wohl sein lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Leider, mu\u00df man sagen, war die sch\u00f6ne Zeit viel zu schnell vor\u00fcber. Jedoch bin ich sicher, da\u00df dies nicht das letzte Sommerlager in Wien gewesen sein wird, da\u00df ich besucht habe, denn die dortige Atmosph\u00e4re, das Miteinander beim Training ist einfach wunderbar gewesen.<\/p>\n<p>Ralph P. G\u00f6rlach<\/p>ngg_shortcode_0_placeholder","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Reise nach Wien mit dem Auto war nicht gerade leicht. 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